Hamburg träumt von Olympia – und stolpert über sich selbst

2013 wurde ich nach meinem Umzug nach Hamburg mit den Worten begrüßt:
„Herzlich willkommen in der schönsten Stadt der Welt!“

Damals hatte dieser Satz für mich noch Glanz. Hamburg wirkte wie eine Stadt mit Haltung, Stolz und hanseatischer Würde. Eine Stadt, die nicht laut sein musste, um bedeutend zu wirken.

Heute frage ich mich, wie viel von diesem Schimmer noch geblieben ist.

Hamburg will sich um Olympia bewerben. Doch wenn ich durch meine Stadt gehe, schäme ich mich jetzt schon bei dem Gedanken, wie sie sich der Welt präsentieren möchte.

Der Jungfernstieg, die Mönckebergstraße, der Hauptbahnhof und seine Umgebung sind Orte, die eigentlich Visitenkarten dieser Stadt sein müssten. Stattdessen zeigen sie vielerorts ein Bild, das mit dem alten Selbstverständnis Hamburgs kaum noch etwas zu tun hat.

Soziale Verwahrlosung ist nicht nur sichtbar. Sie ist spürbar.

Vielfalt ist die politische Botschaft dieser Stadt. Und ja, Hamburg war immer offen, international und tolerant. Aber Toleranz darf nicht bedeuten, dass man jede Entwicklung hinnimmt, bis nichts Verbindendes mehr übrig bleibt.

An vielen Orten entsteht der Eindruck, dass nicht mehr gestaltet, sondern nur noch verwaltet wird. Unterschiedliche Lebenswelten bestehen nebeneinander, ohne dass eine gemeinsame soziale Mitte sichtbar bleibt. Öffentliche Plätze und Parks wirken teilweise belagert. Müll bleibt liegen. Obdachlosigkeit, Drogenprobleme, Verwahrlosung und ungelöste Integrationsfragen prägen vielerorts das Bild.

Die soziale Mitte, an der sich Bürger und Gäste orientieren könnten, scheint immer weiter zu verschwinden.

Finanziell soll sich Olympia für Hamburg lohnen. Im Hier und Jetzt klingt diese Prognose für mich wie Kaffeesatzleserei. Denn bevor man von internationalem Glanz spricht, müsste man vielleicht erst einmal ehrlich auf den Zustand der eigenen Stadt schauen.

Hanseatische Tugenden wie Nüchternheit, Ordnungssinn und Pragmatismus scheinen in dieser Debatte kaum noch eine Rolle zu spielen. Stattdessen wirkt es, als solle ein großes Event überdecken, was im Alltag längst sichtbar geworden ist.

Weltoffenheit ist ein Wert. Aber Weltoffenheit muss auch tragfähig bleiben. Sie braucht Ordnung, Verantwortung und ein gemeinsames Verständnis davon, wie diese Stadt aussehen soll.

Möchte Hamburg sich der Welt wirklich so präsentieren, wie es sich heute an vielen Stellen zeigt?

Wird hanseatischer Stolz inzwischen durch Scham ersetzt?

In meiner Vorstellung sieht ein Tor zur Welt prachtvoller aus.

Das sind lediglich meine Gedanken zu diesem Thema. Nicht mehr. Aber vielleicht auch nicht weniger.

MB, 16.05.2026


YouTube | Telegram