Konflikt-Rider unterwegs: Ein Gespräch am AfD-Infostand
Der Konflikt-Rider war heute wieder unterwegs – ohne festes Drehbuch, ohne vorbereiteten Interviewpartner und zunächst auch ohne die Absicht, ausgerechnet bei einer politischen Partei Halt zu machen.
Auf einem Hamburger-Markt fiel jedoch ein Infostand der AfD auf. Noch bevor der Konflikt-Rider den Stand erreichte, blieb er für einen Moment stehen und beobachtete das Geschehen.
In diesem Augenblick ging ein Passant vorbei und kommentierte sinngemäß:
„Dass die sich trauen, hier sowas zu machen.“
Ein kurzer Satz. Aber einer, der bereits etwas über die Atmosphäre rund um einen solchen politischen Infostand aussagt.
Was genau der Passant damit verband, blieb offen. Ablehnung? Überraschung? Oder vielleicht die Erwartung, dass ein solcher Stand zwangsläufig Gegenreaktionen hervorruft?
Gerade diese Mehrdeutigkeit machte die Situation interessant.
Erst vorsichtig, dann offen
Der Konflikt-Rider ging schließlich auf einen der Menschen am Infostand zu.
Das Gespräch begann freundlich, zunächst aber durchaus vorsichtig. Beim Konflikt-Rider entstand der Eindruck, dass sein Gesprächspartner anfangs nicht genau einschätzen konnte, weshalb so viele Fragen gestellt wurden. Fast wirkte es ein wenig so, als müsse zunächst geklärt werden, ob hier tatsächlich Interesse an einem Austausch bestand – oder ob jemand lediglich gekommen war, um gezielt Aussagen abzufragen.
Im weiteren Verlauf erzählte der Konflikt-Rider deshalb auch etwas über den eigenen Hintergrund.
Dabei stand weniger die heutige Arbeit von Konfliktheld im Mittelpunkt. Vielmehr ging es um frühere Erfahrungen, insbesondere um die Zeit rund um Demo Hamburg, als im Rahmen einer Bürgerinitiative gesellschaftliche und politische Entwicklungen unmittelbar begleitet wurden.
Damit wurde auch verständlicher, weshalb bestimmte Fragen gestellt wurden und woher das Interesse an gesellschaftlichen Konfliktlagen, politischen Bewegungen, Protestformen und der Frage nach dem Umgang miteinander kommt.
Danach wurde das Gespräch spürbar offener.
Aus einem zunächst vorsichtigen Kontakt entwickelte sich ein längerer und ausgesprochen freundlicher Austausch.
Viele Themen – nicht nur Parteipolitik
Gesprochen wurde über unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche.
Über Schule und das Bildungssystem.
Über Arbeit und berufliche Entwicklungen.
Über Politik.
Über gesellschaftliche Veränderungen.
Und immer wieder über die Frage, wie Menschen mit unterschiedlichen politischen Auffassungen heute überhaupt noch miteinander umgehen.
Dabei zeigte sich durchaus die eine oder andere gemeinsame Wahrnehmung gesellschaftlicher Probleme, ohne dass deshalb vorausgesetzt werden musste, bei allen politischen Antworten oder Lösungswegen einer Meinung zu sein.
Genau das machte das Gespräch interessant.
Denn gesellschaftlicher Austausch funktioniert schließlich nicht erst dann, wenn zwei Menschen dasselbe Parteibuch besitzen oder in jeder politischen Frage übereinstimmen.
Erfahrungen rund um öffentliche AfD-Auftritte
Der Gesprächspartner berichtete außerdem davon, mit welchen Schwierigkeiten AfD-Mitglieder nach seiner Erfahrung bei öffentlichen Auftritten, Veranstaltungen und Infoständen konfrontiert werden.
Ein Schwerpunkt des Gesprächs lag dabei auf Gegenaktionen und Protesten aus dem Antifa-Spektrum.
Nach seiner Darstellung müsse bei öffentlichen Auftritten regelmäßig mit entsprechenden Gegenreaktionen gerechnet werden. Auch bei der Anmietung von Räumen oder bei geplanten Treffen komme es immer wieder zu Problemen.
Darüber hinaus schilderte er die Wahrnehmung, dass ein offenes Bekenntnis zur AfD-Mitgliedschaft für einzelne Personen auch berufliche oder gesellschaftliche Konsequenzen haben könne.
Das sind zunächst Erfahrungen und Einschätzungen des Gesprächspartners.
Interessant wurden sie für den Konflikt-Rider insbesondere deshalb, weil ähnliche Mechanismen gesellschaftlicher Ausgrenzung, gegenseitiger politischer Zuschreibungen und zunehmender Verhärtung bereits aus anderen politischen Konfliktfeldern bekannt sind.
Polizei am Infostand
Auch die äußeren Umstände waren bemerkenswert.
Der Infostand wurde von zwei Polizeibeamten begleitet beziehungsweise abgesichert. Einer davon war mit einem Polizeimotorrad vor Ort.
Welche konkrete polizeiliche Gefährdungsbewertung dahinterstand, war dem Konflikt-Rider nicht bekannt.
Allein die sichtbare Polizeipräsenz machte jedoch deutlich, dass selbst ein vergleichsweise kleiner politischer Infostand heute offenbar unter Sicherheitsaspekten betrachtet wird.
Und genau an diesem Punkt stellte sich eine grundsätzliche Frage:
Was sagt das eigentlich über den Zustand politischer Auseinandersetzung aus?
Protest gegen Parteien und politische Positionen gehört selbstverständlich zu einer Demokratie.
Eine Grenze wird allerdings dort erreicht, wo aus politischem Widerspruch Einschüchterung, Bedrohung oder körperliche Gewalt wird.
Denn Demokratie funktioniert nur dann, wenn nicht nur die eigene Meinung öffentlich vertreten werden darf.
Die aktuelle Strategie: ruhig bleiben und Gespräche führen
Der Gesprächspartner schilderte auch, wie man in seinem Bereich aktuell politisch vorgehen möchte.
Der Ansatz scheint bewusst unspektakulär zu sein:
ruhig auftreten, Infostände durchführen, präsent bleiben und mit Bürgern ins Gespräch kommen.
Grundsätzlich ein nachvollziehbarer Ansatz.
Aus Sicht des Konflikt-Riders entstand daraus jedoch unmittelbar die nächste Frage:
Reicht das?
Denn ruhig an einem Infostand zu stehen bedeutet zunächst einmal, verfügbar zu sein.
Es bedeutet aber noch nicht automatisch, Menschen tatsächlich zu erreichen.
Wie entsteht Vertrauen?
Gerade hier wurde das Gespräch aus Sicht des Konfliktmanagements besonders interessant.
Denn unabhängig davon, um welche Partei es geht, stellt sich bei politischer Arbeit immer dieselbe Frage:
Warum sollte ein Bürger seine Zeit, seine Unterstützung oder sein Vertrauen investieren?
Bei einer stark polarisierten Partei wird diese Frage noch wichtiger.
Es kann Menschen geben, die einzelne politische Probleme ähnlich wahrnehmen, sich aber trotzdem nicht öffentlich einem AfD-Stand nähern würden.
Die Gründe dafür können völlig unterschiedlich sein.
Manche lehnen die Partei politisch ab.
Andere möchten schlicht nicht mit ihr in Verbindung gebracht werden.
Wieder andere könnten bestimmte Positionen durchaus diskutieren wollen, scheuen aber die öffentliche Wahrnehmung oder mögliche Reaktionen ihres Umfelds.
Genau deshalb reicht es möglicherweise nicht, darauf zu warten, dass diese Menschen selbst die letzten Meter bis zum Infostand zurücklegen.
Der politische Akteur muss möglicherweise aktiver werden
Eine der Überlegungen des Konflikt-Riders war deshalb:
Vielleicht muss gerade eine Partei, die von starken gesellschaftlichen Widerständen gegen sich ausgeht, wesentlich aktiver darin werden, einen sichtbaren und zugleich sicheren Kommunikationsraum zu schaffen.
Nicht aggressiver.
Nicht provokanter.
Aber präsenter.
Denn ein klassischer Infostand kann auf einen Außenstehenden schnell so wirken:
Ein paar Menschen stehen herum.
Ein Parteischild ist zu sehen.
Informationsmaterial liegt auf dem Tisch.
Aber worüber wird dort gesprochen?
Warum sollte jemand hingehen?
Was passiert, wenn man tatsächlich eine Frage stellt?
Und was hat das Ganze konkret mit dem eigenen Stadtteil oder dem eigenen Alltag zu tun?
Das bleibt von außen häufig unbeantwortet.
Vom Infostand zum tatsächlichen Bürgerdialog
Hier entstand die Überlegung, solche Auftritte möglicherweise stärker kommunikativ zu gestalten.
Warum nicht – soweit die örtlichen Voraussetzungen es zulassen – zeitweise mit Mikrofon arbeiten?
Warum nicht moderierte Gesprächsangebote schaffen?
Warum nicht regelmäßig kurze Impulse geben:
„Das ist heute unser Thema.“
„Dazu möchten wir mit Ihnen sprechen.“
„Was erleben Sie hier vor Ort?“
Damit verändert sich die Rolle.
Aus einer Gruppe, die darauf wartet, angesprochen zu werden, wird ein politischer Akteur, der selbst den Kontakt zur Öffentlichkeit herstellt.
Gerade auf regionaler Ebene könnte das entscheidend sein.
Bundes- und Landespolitik sind weit weg.
Der eigene Stadtteil ist es nicht.
Die Schule des Kindes ist nicht weit weg.
Probleme am Arbeitsplatz sind nicht abstrakt.
Und auch die Frage, was sich im direkten Wohnumfeld verändert, ist für Menschen wesentlich greifbarer als eine politische Debatte, die mehrere Ebenen über ihnen stattfindet.
Menschen wollen erkennen, wer Verantwortung übernimmt
Politische Unterstützung entsteht nicht nur durch Programme.
Menschen beobachten auch Personen.
Sie wollen wissen:
Wer steht dort eigentlich?
Wie verhält sich diese Person unter Druck?
Kann sie ihre Position erklären?
Kann sie Kritik aushalten?
Kann sie Konflikte lösen?
Und steht sie auch noch dort, wenn Gegenwind entsteht?
Gerade wenn eine politische Organisation selbst davon berichtet, dass Mitglieder oder Unterstützer mit gesellschaftlichen, beruflichen oder sogar körperlichen Konflikten rechnen müssten, entsteht daraus eine besondere Verantwortung.
Wer Unterstützung möchte, muss möglicherweise auch vermitteln können:
Wenn du dich öffentlich einbringst, lassen wir dich mit den daraus entstehenden Konflikten nicht allein.
Das bedeutet keine Konfrontation mit politischen Gegnern.
Im Gegenteil.
Stärke zeigt sich gerade darin, Konflikte kontrollieren zu können, ohne sie unnötig eskalieren zu lassen.
Die Erfahrungen aus Demo Hamburg wirken nach
Für den Konflikt-Rider war dieser Teil des Gesprächs auch deshalb interessant, weil aus der Zeit rund um Demo Hamburg eigene Erfahrungen mit gesellschaftlicher Polarisierung vorhanden sind.
Damals ging es um eine Bürgerinitiative und um Menschen, die sich aus sehr unterschiedlichen Beweggründen gesellschaftlich und politisch eingebracht haben.
Dabei wurde ebenfalls deutlich, wie schnell Menschen kategorisiert werden können, sobald sie öffentlich an politischen Auseinandersetzungen teilnehmen.
Genau solche Erfahrungen prägen bis heute den Blick auf politische Kommunikation.
Nicht die Frage:
„Welche Seite muss gewinnen?“
Sondern zunächst:
„Warum reden diese Menschen nicht mehr miteinander – und was müsste passieren, damit das wieder möglich wird?“
Am Ende war es einfach ein gutes Gespräch
Vielleicht war gerade deshalb das Ungewöhnlichste an diesem Kontakt, wie gewöhnlich er eigentlich verlief.
Man stand zusammen.
Man redete.
Man stellte Fragen.
Man erzählte von eigenen Erfahrungen.
Man diskutierte gesellschaftliche Probleme.
Und man verabschiedete sich anschließend wieder freundlich.
Keine Beschimpfungen.
Kein politisches Verhör.
Kein gegenseitiges Niederbrüllen.
Und auch keine Voraussetzung, dass am Ende beide in jeder Frage derselben Meinung sein mussten.
Der Besuch des Konflikt-Riders am AfD-Infostand war deshalb weder eine Wahlempfehlung noch eine politische Liebeserklärung.
Es war ein Austausch.
Und vielleicht ist genau das eine der Aufgaben, die gesellschaftlich wieder stärker gelernt werden müssen:
Mit Menschen sprechen, gerade dann, wenn ihre politische Einordnung eigentlich dazu verleiten würde, gar nicht erst hinzugehen.
Denn wer Konflikte verstehen möchte, kann sich seine Gesprächspartner nicht ausschließlich danach aussuchen, ob er ihre Positionen ohnehin schon teilt.
Der Konflikt-Rider ist hingegangen.
Und an diesem Tag entstand daraus kein Konflikt.
Sondern ein interessantes Gespräch.