Wenn die Realität plötzlich Nachhilfe braucht
Ich musste bei diesem Bild tatsächlich lachen.
Nicht unbedingt, weil es besonders feinfühlig ist. Das ist es offensichtlich nicht. Sondern weil es auf ziemlich überspitzte Weise etwas zeigt, das mich an vielen heutigen Debatten zunehmend fasziniert:
Wir sind inzwischen offenbar an einem Punkt angekommen, an dem Menschen anderen Menschen erklären müssen, was sie angeblich sind – während direkt daneben die Wirklichkeit steht und etwas irritiert aus der Wäsche schaut.
Und natürlich ist die Sache in der Realität komplizierter als ein Meme.
Menschen dürfen leben, wie sie möchten. Sie dürfen sich kleiden, nennen und darstellen, wie sie möchten. Das gehört für mich zu einer freien Gesellschaft ausdrücklich dazu. Ich habe weder das Bedürfnis noch den Auftrag, fremden Leuten ihre Lebensgestaltung vorzuschreiben.
Aber Freiheit funktioniert in beide Richtungen.
Sie bedeutet nicht, dass aus einer persönlichen Selbstbeschreibung automatisch eine allgemeinverbindliche Definition wird, die sämtliche anderen Menschen übernehmen müssen.
Und genau an dieser Stelle wird es interessant.
Wir haben jahrzehntelang gelernt, wissenschaftlich zu denken, Begriffe sauber zu definieren, Tatsachen von Meinungen zu unterscheiden und Behauptungen kritisch zu hinterfragen.
Heute scheint manchmal eine neue Regel zu gelten:
„Ich empfinde es so – also ist es so.“
Praktisch.
Damit ließen sich übrigens viele Probleme meines Alltags erheblich vereinfachen.
Ich empfinde meine Steuererklärung beispielsweise als vollständig bezahlt.
Ich identifiziere mich mit einem Kontostand von 2,7 Millionen Euro.
Und sollte irgendwann ein Blitzerfoto kommen, definiere ich mich an diesem Tag einfach als Fußgänger.
Mal sehen, wie weit ich damit komme.
Natürlich weiß ich, dass dieser Vergleich überspitzt ist. Genau darum geht es bei Sarkasmus.
Was mich aber tatsächlich stört, ist etwas anderes: Dass wir gesellschaftlich immer häufiger Schwierigkeiten damit haben, zwei Gedanken gleichzeitig auszuhalten.
Man kann einen Menschen respektieren, ohne jede seiner Aussagen für objektiv richtig zu halten.
Man kann Minderheiten schützen, ohne biologische Tatsachen abschaffen zu müssen.
Man kann gegen Diskriminierung sein und trotzdem darüber diskutieren, was Begriffe wie „Mann“ und „Frau“ eigentlich bedeuten.
Und man kann sagen:
Du hast jedes Recht, dein Leben so zu führen, wie du möchtest. Aber du hast nicht automatisch das Recht, anderen vorzuschreiben, wie sie die Wirklichkeit beschreiben müssen.
Für mich ist genau das Toleranz.
Nicht: „Du musst meine Sichtweise übernehmen.“
Sondern:
„Ich akzeptiere, dass du anders denkst und lebst – und du akzeptierst dasselbe bei mir.“
Das wäre eigentlich ziemlich einfach.
Aber vermutlich ist genau das inzwischen die radikalste Position überhaupt.
Denn irgendwo zwischen Biologie, Identitätspolitik, Sprachregelungen und moralischer Überhöhung haben wir eine bemerkenswerte gesellschaftliche Fähigkeit entwickelt:
Aus Fragen, die man früher diskutiert hätte, machen wir Glaubensprüfungen.
Und wer die falsche Antwort gibt, bekommt anschließend erklärt, dass er dringend mehr Offenheit lernen müsse.
Ironischerweise meistens von Leuten, die abweichende Meinungen ungefähr so offen aufnehmen wie Windows 95 eine moderne App.
Vielleicht sollten wir deshalb wieder etwas weniger übereinander urteilen und etwas mehr miteinander reden.
Und vielleicht dürfen wir gelegentlich sogar über die Absurditäten unserer Zeit lachen.
Denn eine Gesellschaft, die über sich selbst nicht mehr lachen kann, hat meistens ein wesentlich größeres Problem als das Meme, über das sie sich gerade aufregt.