Urlaub über Beton
Der Konflikt-Rider zwischen Dünen, Bunkern und Militär
Eine K.I.R.A.-Recherche aus Blåvand an der dänischen Nordseeküste
Ich war eigentlich nicht auf der Suche nach einer Militäranlage.
Und schon gar nicht nach Bunkern, Radarstellungen oder irgendwelchen geheimnisvollen Geschichten unter dänischen Dünen.
Der Konflikt-Rider hält sich derzeit in der Gegend um Blåvand an der dänischen Nordseeküste auf. Eine Region, die zunächst ziemlich genau das liefert, was man von einem Urlaubsort erwartet: Ferienhäuser, Fahrräder, Familien, Dünen, breite Strände, Touristen und eine Landschaft, die stellenweise beinahe danach aussieht, als hätte jemand sie eigens für einen Ferienprospekt zusammengestellt.
Doch irgendwann fiel mir etwas auf.
Nicht ein einzelnes Gebäude. Nicht ein bestimmtes Schild.
Es war die Häufung.
Bunker tauchen in der Landschaft auf. Militärische Flächen liegen plötzlich neben touristisch geprägten Gebieten. Absperrungen und Hinweise erinnern daran, dass nicht jede Heidefläche hier einfach nur Natur ist. Und fährt man ein wenig durch die Region, wird deutlich: Das Militär ist hier kein historisches Randthema.
Vergangenheit und Gegenwart liegen erstaunlich dicht nebeneinander.
Also bekam K.I.R.A. einen Auftrag:
Was ist hier eigentlich los?
Eine Ferienregion mit einem zweiten Gesicht
Auf der einen Seite steht Blåvand.
Ferienhäuser. Geschäfte. Strandbesucher. Restaurants. Freizeitangebote.
Auf der anderen Seite beginnt eine Landschaft, in der das dänische Militär bis heute große Flächen nutzt.
Bei Oksbøl befindet sich ein bedeutender Standort der dänischen Streitkräfte. Die dortige Militärgeschichte begann nicht erst gestern: Oksbøllejren wurde bereits 1929 als dänisches Militärlager eingerichtet und trägt heute den Namen Oksbøl Kaserne. Dort ist unter anderem das Danske Artilleriregiment angesiedelt.
Rundherum liegen Schieß- und Übungsflächen.
Und spätestens hier wird das Nebeneinander bemerkenswert.
Das dänische Verteidigungsministerium erklärt selbst, dass Teile der militärischen Flächen rund um Oksbøl für die Öffentlichkeit zugänglich sind – allerdings nur dann, wenn gerade keine Schießübungen oder anderen militärischen Aktivitäten stattfinden. Informationstafeln an den Zufahrten zeigen, wann ein Betreten möglich ist.
Noch deutlicher wird es an der Küste.
Bei Übungen auf der Kallesmærsk Hede können nicht nur Landschaftsbereiche gesperrt werden. Auch der Strand zwischen Vejers und Blåvand und Teile der Nordsee können von Sperrungen betroffen sein.
Das ist schon eine interessante Mischung:
Badetuch trifft Schießgebiet.
Nur eben nicht als schlechter Filmplot, sondern ganz offiziell.
Und dann stehen da diese Bunker
Wer in Blåvand unterwegs ist, braucht keine große Fantasie, um über die Vergangenheit der Gegend zu stolpern.
Sie besteht aus Beton.
Während der deutschen Besatzung Dänemarks wurde auch diese Küste Bestandteil des Atlantikwalls. Die Bunker waren Teil eines Verteidigungssystems, das sich entlang großer Teile der von Deutschland kontrollierten europäischen Küste erstreckte. Noch heute finden sich entsprechende Anlagen entlang der dänischen Westküste.
Das bekannteste Beispiel in Blåvand ist die Tirpitz-Stellung.
Im August 1944 begann die deutsche Besatzungsmacht mit dem Bau der gewaltigen Tirpitz-Batterie. Zwei große Geschützbunker sollten den Zugang zum Hafen von Esbjerg absichern.
Fertig wurden sie nie.
Der Krieg war vorher vorbei.
Heute ist aus einem Teil dieser Geschichte eine Touristenattraktion geworden. Das Tirpitz-Museum verbindet die historische Anlage mit einem modernen, weitgehend unter der Dünenlandschaft angelegten Museumsbau. Ein unterirdischer Ausstellungsgang führt in den alten Geschützbunker.
Und genau hier beginnt der Kopf automatisch Fragen zu stellen.
Denn wer heute unter der Erde durch einen Gang in einen deutschen Bunker läuft und anschließend wenige Kilometer entfernt wieder auf aktive militärische Übungsflächen trifft, kann ziemlich schnell anfangen, Punkte miteinander zu verbinden.
Manche davon gehören zusammen.
Andere vermutlich überhaupt nicht.
K.I.R.A. findet „Büffel“
Bei der Recherche tauchte schließlich ein Name auf, der deutlich weniger nach Ferienpark klingt:
Stützpunkt Büffel.
Und ab diesem Punkt wurde die Geschichte noch interessanter.
In Blåvand befand sich während des Zweiten Weltkriegs nämlich nicht lediglich Küstenartillerie.
1942 und 1943 entstanden auf dänischem Gebiet mehrere deutsche Radarstellungen zur Unterstützung der Nachtjagd. Nach Angaben der dänischen Kulturbehörde war die Radarstellung bei Blåvand sogar die erste dieser Anlagen.
Der Standort verfügte unter anderem über massive Bunkerbauten und Radartechnik. Dokumentiert ist beispielsweise ein großer zweigeschossiger Befehlsbunker des Typs L487. Außerdem gehörte eine gewaltige Mammut-Radaranlage zur Stellung.
Plötzlich verändert sich das Bild.
Die Bunker hier waren eben nicht ausschließlich irgendwelche Betonkästen, aus denen auf Schiffe geschossen werden sollte.
Es ging auch um Beobachtung.
Radar.
Kommunikation.
Luftraumüberwachung.
Führung.
Der Atlantikwall bestand nämlich nicht nur aus Geschützstellungen. Bunker dienten unter anderem auch als Radarstationen, Beobachtungsstellen und Kommandozentralen.
Damit befand sich hier vor mehr als 80 Jahren bereits eine technisch komplexe militärische Infrastruktur.
Und heute liegt in derselben Region erneut ein großes militärisch genutztes Gebiet.
Das bedeutet nicht, dass zwischen beidem irgendeine geheime Kontinuität besteht.
Aber es erklärt, warum diese Landschaft beim genaueren Hinsehen so ungewöhnlich wirkt.
Und jetzt natürlich die unvermeidliche Frage: Was liegt unter uns?
Spätestens an dieser Stelle beginnt normalerweise der Teil, an dem das Internet übernimmt.
Geheime Tunnel.
Vergessene Bunker.
Unterirdische Kommandostellen.
NATO-Anlagen.
Räume, die angeblich niemand betreten darf.
Die Zutaten sind schließlich alle vorhanden.
Militärisches Sperrgebiet.
Historische Radarstellungen.
Massive Bunker.
Unterirdische Räume.
Eine aktive Kaserne.
Schießgebiete.
Und große Flächen, die zeitweise für die Öffentlichkeit geschlossen sind.
Man könnte daraus innerhalb weniger Minuten eine hervorragende Verschwörungsgeschichte bauen.
Nur fanden wir für die spektakulärste Variante davon bislang keine belastbaren Belege.
Ein weitverzweigtes geheimes Tunnelsystem unter Blåvand konnten wir nicht nachweisen.
Ebenso wenig fanden wir belastbare Hinweise darauf, dass die historischen deutschen Bunker heute Bestandteil irgendeines geheimen unterirdischen NATO-Komplexes wären.
Und auch beim Tirpitz-Museum muss man genau hinschauen: Der heute sichtbare unterirdische Verbindungsgang gehört zum modernen Museumskonzept. Er ist kein Beweis für ein während des Krieges errichtetes Tunnelsystem.
Eigentlich schade.
Ein geheimer unterirdischer Militärbahnhof hätte diesem Artikel zweifellos geholfen.
Aber K.I.R.A. ist nun einmal ziemlich humorlos, wenn es um Belege geht.
Vielleicht ist die Wahrheit interessanter als die Verschwörung
Denn nach einiger Recherche stellt sich eine andere Frage:
Warum brauchen wir überhaupt eine Verschwörung?
Die belegbare Geschichte ist bereits bemerkenswert.
Hier wurde während des Zweiten Weltkriegs eine massive Verteidigungslandschaft geschaffen.
Hier standen Radarstellungen.
Hier entstanden Befehlsbunker.
Hier sollte schwere Küstenartillerie den Zugang nach Esbjerg kontrollieren.
Teile davon stehen bis heute.
Und nur wenige Kilometer davon entfernt befindet sich heute wieder eine bedeutende militärische Infrastruktur mit Kaserne sowie Schieß- und Übungsflächen.
Dazwischen:
Ferienhäuser.
Campingplätze.
Radfahrer.
Familien.
Strände.
Touristen.
Das eigentlich Faszinierende an Blåvand ist deshalb vielleicht gar nicht das, was möglicherweise irgendwo verborgen ist.
Es ist das, was offen sichtbar vor uns liegt und trotzdem kaum jemand hinterfragt.
Landschaften vergessen nicht
Die Bunker an der Westküste haben ihren ursprünglichen Zweck verloren.
Viele technische Einrichtungen verschwanden nach Kriegsende. Nach Angaben des Nationalparks Wattenmeer wurden deutsche Radarsysteme nach dem Krieg untersucht und technische Anlagen anschließend entfernt. Zahlreiche Bunker wurden verschlossen und der Landschaft, dem Wind und dem wandernden Sand überlassen.
Aber Beton ist geduldig.
Acht Jahrzehnte später steht er immer noch da.
Manchmal direkt sichtbar.
Manchmal halb vom Sand verschluckt.
Manchmal zu einem Museum geworden.
Und manchmal in einem Gebiet, in dem bis heute militärische Nutzung und öffentliche Zugänglichkeit nebeneinander organisiert werden.
Vielleicht war genau das die eigentliche Auffälligkeit, die mich hier stutzig gemacht hat:
Blåvand hat seine militärische Vergangenheit nicht einfach hinter sich gelassen.
Sie steht noch in der Landschaft.
Und die militärische Gegenwart befindet sich teilweise direkt daneben.
Der Konflikt-Rider bleibt neugierig
Unsere Recherche liefert deshalb bislang keine Sensation über geheime unterirdische Anlagen.
Aber sie liefert etwas, das vielleicht wertvoller ist:
einen Grund, genauer hinzuschauen.
Denn Orte erzählen ihre Geschichte selten auf einem Hinweisschild.
Manchmal beginnt sie mit einem Betonbau in den Dünen.
Mit einer Absperrung.
Mit einem ungewöhnlich großen Gelände.
Oder einfach mit dem Gefühl:
Moment mal. Warum ist hier eigentlich so viel davon?
Genau dafür ist K.I.R.A. da.
Nicht um aus jeder verschlossenen Tür ein Geheimlabor zu machen.
Sondern um herauszufinden, warum die Tür dort überhaupt steht.
Und unsere Recherche in Blåvand ist noch nicht zwingend beendet.
Denn irgendwo zwischen Tourismus, Atlantikwall, Radarstellungen, militärischem Übungsgebiet und acht Jahrzehnten Geschichte bleibt eine Frage bestehen:
Wie viel von dieser Landschaft sehen wir eigentlich – und wie viel ihrer Geschichte liegt noch direkt vor unseren Augen, ohne dass wir wissen, wonach wir schauen müssen?
Der Konflikt-Rider wird jedenfalls weiterhin genauer hinsehen.
Fortsetzung möglich.