Mit den Blauen ins Grüne

Von vielen Parteien enttäuscht – nicht nur in Hamburg – nahm ich eine Einladung der AfD zu einem Besuch des Thüringer Landtags in Erfurt an. Mit der Politik, die wir in unserem Land erleben, bin ich seit Langem mehr als unzufrieden.

Mir geht es wie vielen Bürgerinnen und Bürgern: Wir gehen zur Wahl und haben dabei oft das Gefühl, keine echte Wahl mehr zu haben. Leider nehmen viele Menschen politische Entscheidungen einfach hin. Sie ärgern sich, fragen aber nicht weiter nach. Als Rentnerin kann und will ich mir diese Gleichgültigkeit nicht leisten.

Seit Jahren erlebe ich in Hamburg, dass schriftliche Antworten unserer Volksvertreter auf meine Nachfragen ausbleiben – auch dann, wenn sie zuvor zugesagt wurden. Dieses Verhalten empfinde ich als gleichgültig und respektlos. Deshalb bleibt mir oft nur, Bundes- und Landtagsdebatten im Internet zu verfolgen, um mir selbst ein Bild zu machen.

Auf die Landtagssitzung in Thüringen war ich gespannt. Ich wollte wissen, ob die Arbeit dort wirklich so transparent ist, wie sie nach außen dargestellt wird. Immer wieder wird vor Fake News gewarnt. Also wollte ich mir selbst einen Eindruck verschaffen.

Schon die Fahrt durch unser Land zeigte mir wieder, wie schön Deutschland ist. Sachsen-Anhalt und Thüringen haben viel Wald, weite Landschaften und beeindruckende Natur. Es war sehr warm, rund 34 Grad. Während überall vor Hitzefolgen und dem Klimawandel gewarnt wurde, machte Erfurt auf mich zunächst vor allem eines: Lust auf mehr.

Im Landtag angekommen, wollte ich mich setzen, da ich im Gehen eingeschränkt bin. Ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes forderte mich auf, in den gegenüberliegenden Park zu gehen. Dort werde sich sicher ein schattiges Plätzchen finden lassen. Er könne nicht auf mich aufpassen. In diesem Moment erinnerte er mich an den Sheriff von Nottingham aus dem Disney-Film „Robin Hood“. Ich teilte ihm höflich mit, dass ich sitzen bleiben werde. Daraufhin entfernte er sich sichtbar verärgert.

Thüringen oder Hamburg – manchmal verhalten sich Menschen in öffentlichen Funktionen auf eine Weise, die mich nur noch wundern lässt.

Nach dem Mittagessen konnte ich an der Sitzung im Landtag teilnehmen. Und ich war angenehm überrascht. Unabhängig von der Partei durfte jeder Redner ausreden. Keine Zwischenrufe, keine Unterbrechung nach wenigen Sekunden. Überschreitungen der Redezeit wurden lediglich notiert. Auffallend war auch, dass die Abgeordneten insgesamt angemessen gekleidet wirkten.

Die Besuchertribüne füllte sich langsam. Dann begegnete uns erneut der bereits erwähnte Sicherheitsmitarbeiter. Ein Besucher hatte sich während eines Redebeitrags an den Kopf gefasst. Der Mitarbeiter fühlte sich offenbar berufen, ihn darauf hinzuweisen, dass er ihn von der Tribüne führen werde, sollte sich diese Geste wiederholen. Zu unserem Glück wurden wir kurz darauf von unserer Führerin durch den Landtag abgeholt.

Später ergab sich die Möglichkeit zu einem Gespräch mit Björn Höcke, der in der deutschen Politik ohne Zweifel zu den umstrittensten Personen gehört. Ich erlebte ihn als ruhig, charismatisch und sprachlich stark. Auf Nachfragen skizzierte er den Aufbau seiner Landesgruppe – mit Höhen und Tiefen, auch mit Blick auf sein Privatleben. Er sprach davon, dass er die richtigen Menschen in seinem Umfeld habe: Menschen, die zusammenhalten und dem Land dienen wollen.

Ich nahm ihn als Politiker mit klaren Vorstellungen und Visionen für das Land und seine Menschen wahr. Dafür wünsche ich ihm viel Glück.

Zwei Tage später las ich, dass die Landratswahl im Saalekreis in Sachsen-Anhalt von der CDU gewonnen wurde. Für mich zeigt dieses Ergebnis weniger eine Frage von Betrug oder Briefwahl, sondern vor allem ein Problem fehlender Wahlbeteiligung und fehlenden politischen Interesses. Die blaue Partei hatte dort eine große Chance – und hat sie am Ende nicht genutzt. Vielleicht war es manchen einfach zu heiß.

Durchhalten scheint ein Problem zu sein. Doch ohne Durchhaltevermögen verändert sich nichts.

MB


Hinweis der Redaktion: Dieser Beitrag ist ein persönlicher Erlebnisbericht der Autorin und gibt ihre subjektiven Eindrücke wieder.